Der tote Bruder im Regal

Der tote Bruder im RegalEs vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke. Mittlerweile sind die Pausen, in denen ich nicht daran denke, länger, doch bald fällt mir wieder ein, was passiert ist. Gerade jetzt, wo so unglaublich viele schöne Dinge passieren, bin ich überwältigt davon, wie viel Schönes und Trauriges in so kurzer Zeit hintereinander geschehen kann. Ich will ihn anrufen und ihm alles erzählen. Will seinen Rat hören, wenn es mal nicht so gut läuft, mich bei ihm ausheulen.

Jetzt muss ich andere Ventile suchen. Und ich finde sie, in meinen Geschwistern, meinen Herzensmenschen, in mir selbst. Doch ich bin noch mehr als je zuvor nah am Wasser gebaut. Wenn ich etwas Schönes erlebe, muss ich gleich heulen. Ich schreibe ihm Briefe in mein Notizbuch. Ich habe es umgedreht und auf der Rückseite begonnen, ihm zu schreiben. Davor hatte ich Briefe an meine Mutter hineingeschrieben. Er fehlt mir sehr. Ich bedauere, dass er all das nicht mitbekommt. Dass er meinen Roman nie lesen wird. So oft haben wir darüber gesprochen, immer hat er mir gesagt, dass alles gut wird, dass alles auf dem Weg liegt, dass es ist wie es ist. Immer fand er die richtigen Worte, mich aufzumuntern, mich anzufeuern, mir in den Allerwertesten zu treten. Jetzt sitzt er da und lächelt mich an.

In einem schönen Rahmen, den ich eigens für das Lieblingsfoto mit uns gekauft habe. Er lächelt allein daraus hervor, mit seinen tiefgründigen blauen Augen. Ich habe mich daraus weggeschnitten, weil es jetzt ein Trauerfoto ist. Ich schaue ihn an und lächle zurück. Manchmal nehme ich den Rahmen in die Hand, streiche über sein Gesicht und spreche mit ihm, meine Augen schwimmen in Tränen. Ich bin eine andere als davor. Wenn etwas nicht läuft wie geplant, lächle ich und sage: es gibt Schlimmeres. Dann stelle ich ihn wieder zurück, meinen toten Bruder im Regal, und versuche, den Schmerz in Jubel zu verwandeln.

Update:
Nun, mit der neuen Situation bekommt seine Vorbereitung auf den Ausnahmezustand eine neue Bedeutung. Er grinst mich an, und ich höre ihn sagen: Ich hab‘ es ja immer gesagt! Er hat so viele weise Dinge gesagt, und dann etwas ganz Dummes gemacht. Aber wie könnte ich ihm seine Krankheit verübeln? Ich nehme diese zum Anlass, noch besser aufeinander aufzupassen, noch mehr nachzufragen und noch besser zuzuhören.
Er gab mir die Erkenntnis, dass es möglich ist, Schmerz in Jubel zu verwandeln. Bei meinem Bruder Stefan funktioniert das auch. Er hat jetzt mit dem Klavierspielen angefangen und schon ganz ordentliche Fortschritte gemacht. Der unerschrockene Optimismus liegt bei uns in der Familie.

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